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Waldspaziergang - Vision oder Illusion?

     

                                                  

        

        


In der Presse ist seit dem Ende des Jahres 2007 von einem Projekt unter der Bezeichnung "Waldspaziergang" die Rede. Es geht darum, verkieselte Stämme auszugraben, aufzustellen und touristisch zu vermarkten.

Einen gewissen Charme kann man der Idee, noch in der Erde befindliche Teile des Versteinerten Waldes zu ergraben, die Stammstücke zusammenzusetzen und aufzurichten, nicht absprechen. Man könnte sich bei einiger Phantasie den Eindruck verschaffen, wie die Welt des Rotliegend vor rund 290 Millionen Jahren hierzulande zumindest andeutungsweise aussah. Der Initiative einiger Chemnitzer Bürger, das zu bewerkstelligen, wäre beizupflichten, wenn sie dem Ziel diente, den Versteinerten Wald in das rechte Rampenlicht zu rücken, ihn dauerhaft zu erhalten, gerade jetzt, wo er auf die Liste der Welterbestätten gesetzt werden soll.

                                            







 

                                 


Situationsbilder vom ehemaligen Werkstättenbahnhof Chemnitz-Hilbersdorf, Februar 2008

Ein großartiges Projekt wäre es schon, groß im Aufwand und groß in den Kosten, in der Art aber ausgefallen. Noch ist das Vorhaben aber nicht umfassend nach Risiken und Machbarkeiten hinterfragt. Um vor bösem Erwachen geschützt zu sein, sollten auch die Schwachpunkte eines solchen Unternehmens benannt werden, um nicht Hoffnungen zu wecken, die schlussendlich nicht zur Realität werden können.

Einige dieser strittigen Fragen sollen hier gestellt und aus der Sicht des Schreibers beantwortet werden:




1. Ist die Anzahl der im Erdreich zu erwartenden Bäume ausreichend?

Das, was aus der Fundstelle Hilbersdorf zur Aufstellung im Freiraum geeignet war, ist heute im DAStietz in der Präsentation des Versteinerten Waldes in einem Szenarium enthalten. Dort stehen insgesamt 22 Stämme, 10 davon sind von der Fundstelle Hilbersdorf, wo an der Frankenberger Straße laut einer Giebelwandgestaltung "Er", der Versteinerte Wald, gefunden wurde. Andere Stämme stammen vom Sonnenberg, von Furth, vom Chemnitzer Goetheplatz oder aus Rabenstein.

Der Anspruch aber, wie er aus einer Computeranimation einer Bürgervereinigung hervorgeht, sieht mindestens 100 aufzustellende Stämme auf einer Fläche in der Größe von 2 Fußballfeldern vor. Das ist ein Mehrfaches von dem, was bisher auf dem Territorium der Stadt geborgen wurde. Ein großer Teil der höffigen Flächen ist nunmehr bebaut, die Kieselhölzer ergraben, weiterverwendet oder irgendwo abgelagert. Die Stadt verfügt gegenwärtig nicht mehr über ein größeres kieselholzhöffiges Gebiet.

Allgemein kursiert die Meinung, dass etwa aller 3 bis 5 Meter im Boden ein Stamm zu erwarten sei. Wenn dem so wäre, müßten bei den früheren Grabungen zur Bebauung des Hilbersdorfer Fundgebietes in dem betreffenden Areal wesentlich mehr Stämme gefunden worden sein. Dem war aber wohl nicht so. Andererseits müßte Kieselholz in Größenordnungen auf Deponie gekommen oder zur Bodenauffüllung zusammen mit dem anderen Bauaushub genutzt worden sein, wie es am Beispiel des Chemnitzer Werkstättenbahnhofes nachvollziehbar ist.

In den Erläuterungen zum Geologischen Messtischblatt wird die Fundsituation von Kieselhölzern wie folgt beschrieben:

"Während sich die Stammstücke von Araucarites in fast allen Aufschlusspunkten dieser Etage des Rothliegenden, wenn auch stellenweise sparsam finden, so ist für Calamitea und Psaronius bis jetzt erst nur ein einziger Fundort, in der Hilbersdorfer Flur südwestlich vom Dorfe, bekannt geworden. Das an diesen schönen verkieselten Pflanzenresten früher sehr reiche, aber jetzt ziemlich abgesuchte Gebiet läßt sich durch den Werkstätten-Bahnhof, durch den östlich davon gelegenen Porphyrtuff und durch zwei Linien begrenzen, welche vom nördlichsten und südlichsten Ende des Werkstätten-Bahnhofs ostwärts nach jenem Tuff gezogen werden. Araucarites, Psaronius und Calamitea fanden sich hier meist in faust- bis kopfgrossen, scharfkantigen Stücken und kleineren Splittern, erstere aber auch als Stämme von 10 bis 20 Meter Länge und 0,5 bis 1,5 Meter Durchmesser und zwar in der Regel in den hangendsten Schichten dieser Etage, nahe der Grenze gegen den überlagernden oberen Porphyrtuff." (Erl. Geol. MBl. 96 Chemnitz, 1877, S. 54).

Bei den einst reich vorhandenen Lesesteinen an Kieselholz darf ein Anreicherungseffekt von an der Oberfläche infolge der Abtragung leicht verwitterbarer Gesteinsteile nicht unbeachtet bleiben. Erkundungsarbeiten auf Schmucksteine im Stadtteil Altendorf brachten das Ergebnis, dass an der Erdoberfläche wesentlich mehr Fundmöglichkeiten als im anstehenden Gestein bestehen.

Ungeachtet dessen wird nun spekuliert, in dem Gebiet des ehemaligen Güter- und Werkstättenbahnhofes auf noch größere Funde treffen zu können. Es kommt aber noch folgender Sachverhalt dazu:

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts genügten die in den Jahren 1868 bis 1872 gebauten Betriebsanlagen nördlich der Emilienstraße nicht mehr den gestiegenen Anforderungen. Neue Bahnlinien nach Annaberg (1866), nach Dresden (1869), Leipzig (1872), Reitzenhain und Aue-Adorf (1875) und Stollberg (1895) waren hinzugekommen. Es wurde notwendig, die gesamten Chemnitzer Eisenbahnanlagen "dem modernen Großverkehr" anzupassen. Der Güterverkehr war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf das 2,8fache, der Personenverkehr sogar auf das 5,8fache gestiegen.

Die Vergrößerung der ursprünglich vorhandenen Werkstättenanlagen erwies sich aber aus den örtlichen Gegebenheiten heraus als unausführbar. Man musste sich daher zu einem vollständigen Neubau der Lokomotiv- und Wagenwerkstätten entschließen.

Als geeignetes Bauland wurde nach ausreichenden Abwägungen das nördlich vom Werkstättenbahnhof gelegene Gebiet ausgewählt. Von der sich bis dato hier am Berghang entlangschlängelnden Chemnitz-Dresdener Bahnlinie wurde der Personenverkehr nun neu über ein eigenes Gleis westlich am Werkstättenbahnhof vorbei geregelt. Der Erweiterung stand nun nichts mehr im Wege. Das zu erschließende Gebiet bis nahe an die heutige Hilbersdorfer Straße heran war allerdings in seiner Lage stark geneigt. Um auf das Niveau der Hauptlinie zu kommen, mußten Erdmassen bis zu 12 Metern Höhe abgetragen und für den Bahnbetrieb erforderliche Terrassen mit eingeschnittenen Ablaufgleisen angelegt werden. Der Bauaushub wurde mit 370.000 Kubikmetern bilanziert (Nach: Wichel: Die Königl. Sächs. Staatseisenbahn. Festschrift des VDI, 1898). Goldene Regel beim Bahnbau war von jeher, die Erdmassen so zu verteilen, dass mit dem abgetragenen Boden an anderer Stelle aufgefüllt wurde.

Für den Werkstättenbahnhof und seinen Gleisbedarf erforderte also die Lage am Hang des Hilbersdorfer Baches umfangreiche Bodenbewegungen zwischen der ehemaligen Roon-Straße, heute Hilbersdorfer Straße, und dem Tal. Das ebenmäßige Terrain für den Bahnbetrieb wurde mit dem Abtrag des Hanges in Terrassen umgestaltet. So dürften also große Teile des Werkstättenbahnhofes nicht nur im sedimentären Rotliegend unter dem Oberen Porphyrtuff stehen, sondern auch auf einem Gelände, das durch Auffüllmassen über die gesamte Länge in unbekannter Höhe überdeckt ist.

Der Bodenaushub wurde auch in kieselholzhöffigen Horizonten vorgenommen, und zwar bis in die darunterliegenden Rotliegendsedimente hinein, in denen keine weiteren Funde zu erwarten sind. Dass bei der Abtragung Kieselholz zutage kam, belegen Stücke in den Sammlungen des Museums für Naturkunde Chemnitz als ein Nachweis darüber, dass der kieselholzführende Horizont durchörtert und abgetragen wurde.

Ein Blick auf die dritte Auflage des geologischen Messtischblattes von Chemnitz aus dem Jahre 1906 (Geologische Specialkarte des Königreiches Sachsen, Bl. 96 Section Chemnitz, bearbeitet von Th. Siegert und J. Danzig) gibt dafür die Bestätigung. In die Karte sind die geologischen Befunde von den Aufschlüssen des Bahnbaues eingegangen und weisen für die Fläche des Betriebsbahnhofs die zweite Stufe des Mittelrotliegenden (d.i. alte Einstufung, heute Unterrotliegend) aus. Demnach befindet sich das Geländeniveau des Werkstättenbahnhofes im geologischen Profil unter der kieselholzführenden Unterkante des Zeisigwaldporphyrtuffes. In dessen Weiterverfolgung in die Tiefe, also bei Grabungen, sind keine Funde mehr zu erwarten und an einen in diesem Gelände zu ergrabenden versteinerten Wald ist erst recht nicht zu denken.







Ausschnitt aus dem Geologischen Messtischlatt Nr. 95 (Chemnitz)








Nach: G. Urban: Der Versteinerte Wald von Chemnitz, 1991







Blockbild der geologischen Situation um den Werkstättenbahnhof





Neben dem Problem, die versteinerten Hölzer in der richtigen geologischen Schicht zu finden, ist ebenso von Interesse und gleichbedeutend die Frage nach der Verteilung der Vegetation im Rotliegend. Sicherlich war die Vegetation nicht gleichmäßig über die Landschaft verteilt. Pflanzengruppen, Hoch- und Niederwuchs, Gewässer wie Tümpel, Bäche und Wasserläufe bestimmten das Bild der Landschaft. Eine Prognose auf den Gehalt an versteinerten Pflanzen ohne erhöhten Suchaufwand nur mit laborativen Hilfsmitteln geben zu wollen, dürfte nahe an Spekulation grenzen.

Dazu kommt noch die Frage nach einer Verkieselungsfähigkeit der ehemaligen organischen Substanz, die, wie aufgezeigt wurde, ebenfalls ein bestimmtes chemisches Milieu erforderte. Einerseits muss Kieselsäure zur Verfügung gestellt werden, andererseits müssen Äusfällbedingungen gegeben sein. Derartige Faktoren können auch regional unterschiedlich sein, denn auch die Fundstellen verkieselter Hölzer sind nicht durchgängig entlang des Porphyrtuffausstriches verteilt. Wie dem auch sei, die Frage nach den Fundmöglichkeiten muss entgegen einer zu spürenden Schatzsuchermentalität eher als sehr kritisch gesehen werden.




Unterrotliegend-Landschaft. Wandbild im Sterzeleanum im Museum für Naturkunde am Theaterplatz (Nach Urban, G.: Der Versteinerte Wald von Chemnitz, 5. Aufl. 1991)







2. Wie verhält es sich mit Konservierung, Restaurierung und Stabilität bei der Aufstellung?



Was soll eine solche Fragestellung, wenn es doch um Größenordnungen geht, die mit einem Achten Weltwunder vergleichbar sind? Der finanzielle Bedarf soll hier gar nicht erörtert werden, wenngleich auch er und sogar zwingend seine Berechtigung hat.


Die Stämme würden, sollte man überhaupt fündig werden, über kurz oder lang dem Erdreich entnommen werden, um sie zur Aufstellung vorzubereiten. Da es sich meistens um stabile Trommeln handeln dürfte, setzt man sie, wie schon geschehen, mit einer Zwischenschicht von Zement wieder übereinander. Höhen von mehreren Metern sollen sie erreichen.

Was geschieht aber, wenn nicht die erwarteten durchkieselten Trommeln zutage kämen, sondern wie zu vermuten ist, auch reichlich Partien von Fluorit das Kieselholz durchsetzen und zudem noch Tonminerale zugegen sind, die im feuchten Zustand wie Schmierseife reagieren? Möglicherweise war der Anteil fluoritisierter Kieselhölzer wesentlich größer, als heute bekannt. Da diese Funde zur Erhaltung wenig geeignet waren, wurde sie am ehesten verworfen und nicht weiter beachtet. Der weiche Fluorit wirkt in erheblichem Maße destabilisierend auf das Kieselholz und stellt seine Belastbarkeit ernsthaft in Frage.

Außerdem: Wie soll es möglich sein, die bis vielleicht etwa 10 Meter hohen Kieselholzstämme gegenüber Wind, Niederschlägen und Frost zu schützen. Schon ein kleiner Luftzug kann die bizarren Gebilde in Schwingung und zum Einsturz bringen, was wohl nicht ideal für eine zu gewährleistende Wegesicherheit in dem "Wald" ist. Ganz zu schweigen davon, dass dem kostbaren Material ein nicht wieder gutzumachender Schaden entstünde. Und wie sähe der "Wald" erst aus, wenn die Stämme durchweg ein stützendes Gerüst erhalten müssen, was nach den bundesdeutschen Sicherheitsanforderungen durchaus denkbar wäre?

Bevor der Versteinerte Wald an der der Wetterseite abgewandten Giebelseite des Museums am Theaterplatz umgesetzt wurde, waren die Schäden aus etwa einem Jahrhundert Außendasein bezifferbar. Gern hätten die Verantwortlichen damals das Naturdenkmal eher in eine schützende Unterkunft gebracht, schon bevor die Entscheidung über den Umzug in DAStietz getroffen wurde.

Zwei ernstzunehmende Wortmeldungen in diesem Zusammenhang sollen hier wiedergegeben werden, von Wissenschaftlern, die sich eng mit dem Wesen des Versteinerten Waldes befassten:

Prof. Dr. Johann Traugott Sterzel:

"Nach ihrer Einhüllung in die Gebirgsmassen des Rotliegenden haben sie [die Kieselholz-Stämme – F.J.] offenbar nur wenige Veränderungen erlitten. Solche treten aber ein, wenn sie dem schützenden Schoße der Erde entnommen werden. Die Atmosphärilien beginnen dann ihr Zerstörungswerk und setzen es langsam aber sicher fort, wenn nicht, so gut es geht, für anderweitigen Schutz gesorgt wird. Namentlich ist es das in die kleinen Risse und Spalten der Kieselmasse eindringende Wasser, das letztere beim Gefrieren zertreibt, so, daß nach und nach Stückchen abbröckeln."

(In: Der versteinerte Wald im Garten des König-Albert-Museums und das Orth-Denkmal in Chemnitz-Hilbersdorf, Chemnitz 1927)

Und die zweite Wortmeldung bei Bekanntwerden des Umzugs in das Tietz:
PD Dr. Ronny Rößler, Direktor des Museums für Naturkunde Chemnitz:

"Die Stämme stehen nicht mehr im Freien, müssen dann nicht mehr regelmäßig restauriert werden. Geschützt waren die Stämme nur, so lange sie im Boden waren, mit ihrer Freilegung begann die Zerstörung."

(In: Freie Presse Chemnitz vom 8.4.2003: "Der Versteinerte Wald zieht mit um" 

Dem gibt es nicht viel hinzuzufügen. Es bliebe anzumerken, dass bei der Schaffung eines "Fensters in die Erdgeschichte" restauratorische und konservatorische Gesichtspunkte zum Schutz des Hauptgegenstandes Kieselholz in seiner natürlichen Umgebung als der Schwerpunkt gesehen werden sollten und nicht ein kleines Conti-Loch zusätzlich zu dem im Stadtzentrum bleibt. 


3. Geht das Vorhaben noch mit dem Welterbegedanken konform?


Diese Frage ist und bleibt der Schlüssel zum Erfolg oder gar Misserfolg. Die Einrichtung des Welterbetitels orientiert in erster Linie auf die Erhaltung des betreffenden Objektes, beim Naturerbe zudem auf seine Präsentation in seiner ursprünglichen Umgebung. Unter diesem aktuellen Blickwinkel ist es schon hinterfragenswert, die Stämme überhaupt wieder aufrichten zu wollen. Man hat das erstmals in Chemnitz vor vielen Jahrzehnten gewagt, die geschaffene Situation hat Denkmalcharakter erlangt und ist jetzt so akzeptiert.

Die Aufstellung neu zu findender Stämme im Freien entspricht aber nicht der von der UNESCO erwarteten Fundsituation als "Fenster in die Erdgeschichte", sondern vermittelt eine Illusion. Wenn es um den Schutz möglicher weiterer Funde geht, sollten nicht alte Fehler aus Prestigegründen oder einfach aus Unvernunft wiederholt werden.

Eine Fundsituation beinhaltet die Erhaltung der geowissenschaftlichen Informationen in ihrer Gesamtheit, so die paläontologischen, die geochemisch-petrografischen u.a.m. Die Herausnahme der Kieselhölzer aus den natürlichen Gegebenheiten des Bodens würde einen erheblichen Teil dieses Inventars verfälschen oder gar vernichten, gerade wenn es um den sensiblen Bereich der Spurenelemente als Merkmal zur Bewertung der Fundstelle und der Entstehung der Lagerstätte geht.








Versteinerter Wald am Theaterplatz