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Haltet den Dieb?


Irgendwie ticken in Chemnitz die Uhren anders. Seit nahezu einem Jahrzehnt ist der Welterbegedanke für den Versteinerten Wald im Gedächtnis der Chemnitzer Bürger. Aber heute sind der Chef des Museums für Naturkunde und seine Mitstreiter sauer, weil – wie sie behaupten - das Chemnitzer Rathaus die Erfolge der Schatzsucher ignoriert (siehe Chemnitzer Morgenpost vom 5. August 2011, S. 5). Und sie zählen auf, wie viele Kieselhölzer und Saurier sie bisher ausgebuddelt haben, welch wunderbare Stücke darunter sind und wieviel Geld bisher von Sponsoren und aus anderen Quellen dafür bereitgestellt wurde. Woher kommt jetzt aber die Unzufriedenheit? Geht es doch um nichts Geringeres als die Bewerbung um den UNESCO-Welterbetitel Versteinerter Wald!

Im Sommer 2006 beschloss der Stadtrat, dass man einer Bewerbung um den Titel durchaus positiv gegenübersteht und einen solchen Antrag unterstützt. Aber vor einer offiziellen Bewerbung wollten die Stadträte wissen, welche Maßnahmen dazu überhaupt notwendig sind, mit welchen Kosten zu rechnen ist und wie ein solcher Titel touristisch zu nutzen wäre. Auch sollte das Vorhaben sich in allen Chemnitzer Entwicklungsplänen wiederfinden.

Die Chefs des DAStietz und des Chemnitzer Naturkundemuseums als Bedienstete der Stadtverwaltung wurden beauftragt, die Vorbereitungen für eine mögliche Antragstellung federführend zu leiten. Eine Arbeitsgruppe wurde ihnen an die Hand gegeben, in der alle Bereiche der Stadtverwaltung vertreten waren, die bei der Vorbereitung des Antrages und der Finanz- und Tourismuskonzepte Ansprechpartner waren. Geschehen ist diesbezüglich aber offensichtlich wohl nicht allzu viel. Was gilt denn schon ein Ratsbeschluss! Aber nun läuft langsam die Zeit für die Antragstellung davon, und Sponsoren wollen sicher auch endlich Ergebnisse auf dem Weg zum Welterbe-Titel sehen. Da sucht man die Schuldigen einfach anonym in der Stadtverwaltung. Irgendwie klingt das wie: "Haltet den Dieb!"

Eigentlich geht es darum, endlich die Sache wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Welterbe bedeutet in erster Linie den Erhalt und Schutz dessen, was diesen Titel verliehen bekommen soll, nicht aber Ausbuddeln und Verschwinden lassen im Museumskeller. Die irrige Meinung ist weit verbreitet, dass die verkieselten Hölzer im Museum einschließlich der Stämme im Lichthof des DAStietz Welterbe werden könnten, aber weit gefehlt. Nach den Regeln der UNESCO-Welterbekommission kann Museumsgut kein Welterbe werden, denn es genießt bereits den besonderen Schutz als Museumsgut. Und so sind die Gemälde in der Dresdner Galerie, die Büste der Nofretete oder die Abdrücke des Urvogels nicht Welterbe, sondern Kulturgut höchsten Ranges.

Gesucht ist die unverfälschte Natur. Sie ist zu schützen, und wo sie Merkmale von herausragender Bedeutung bereithält, auch durch die Verleihung eines UNESCO-Welterbetitels. Es ist zweifellos eine Besonderheit, dass Chemnitz gewissermaßen auf einem versteinerten Wald erbaut ist und an vielen Stellen in der Stadt wissenschaftlich hochinteressante Kieselhölzer und jetzt auch Saurier im Untergrund gefunden werden können. Doch das muss erst einmal sichtbar nachgewiesen sein, zum Beispiel exemplarisch durch ein "Fenster in die Erdgeschichte", das gewissermaßen dauerhaft Einblick gibt in den Untergrund der Stadt, der diese Schätze beherbergt. Die Funde sollen dort in ihrer ursprünglichen Lage dokumentiert werden, "in situ", sagt der Fachmann. Streng geschützt vor allen Gefahren und jederzeit zugänglich. Aber wo sind die Konzepte, die den Welterbetitel zum Ziel haben und den Schutz manifestieren? Was soll eigentlich konkret in Chemnitz einen Welterbetitel erhalten?






Die ehemalige Ölschiefergrube Messel bei Darmstadt, heute Welterbestätte der UNESCO



In Messel, einem kleinem Ort bei Darmstadt, befindet sich eine der wenigen Weltnaturerbestätten in Deutschland. Bei Ausgrabungen hat man dort in einem Tagebau Abdrücke und Reste von Urpferdchen und andere bedeutende Fossilien gefunden. Der Welterbetitel wurde nur der Grube verliehen, sie ist umzäunt, darf nur zu Forschungszwecken betreten werden, und Besucher können das eigentlich unscheinbare Areal von einer Besucherplattform aus ansehen. Die wertvollen Funde sind im Museum Messel, in Darmstadt und anderen Museen untergebracht und genießen dort höchsten Schutz. Wie aber will Chemnitz als Stadt mit ihrem versteinerten Schatz im Erdreich umgehen? Das Museum für Naturkunde behauptet, es hätte seine "Hausaufgaben" erledigt, hieß es neulich selbstredend aus diesem Hause. Aber mitnichten! Bisher war alles auf Grabungen und Funde ausgerichtet. Deshalb ist es nicht korrekt, wenn da in der Zeitung zu lesen ist, dass die Grabung nach neuen ´Stein-Schätzen´ helfen soll, den Welterbe-Titel zu bekommen (Morgenpost, ebenda). Die Presse zeigt sich uninteressiert an der Wahrheit. Zu viele Lorbeeren für eine falsche Richtung.

Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen der Stadtverwaltung die Grundsätze der UNESCO zur Erlangung des Welterbetitels beschaffen und nicht nach dem Willen eines einzelnen Herrn verfahren. Und an der Spitze des Museums ist ein Direktor engagiert, der als Bediensteter der Stadtverwaltung angehört. Er ist zufällig ein Geologe, was fachlich (aber nur fachlich!) einiges vereinfacht, aber das ist nur eine Facette seiner Aufgabe.

Am 10. August 2011 in das Netz gestellt.