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"So holen wir uns das Weltnatur-Erbe" lautete vor etwa zwei Jahren die Überschrift in einer Chemnitzer Zeitung, und es ging dabei um den Welterbe-Titel der UNESCO für den Versteinerten Wald. Mittlerweile ist Geld angekommen, der Direktor des Museums für Naturkunde erhielt den hoch dotierten Alberti-Preis, Fördermittel aus dem Förderprogramm EFRE fließen und die VW-Stiftung hat sich großzügig in der finanziellen Förderung für Forschungen am Versteinerten Wald gezeigt. Nun soll wieder gegraben werden, Chemnitz soll ein "Fenster in die Erdgeschichte" erhalten, das als eine Voraussetzung für die Zuerkennung des Welterbe-Titels eine Fundsituation realistisch darstellt. Ein neu zu schaffendes Erdloch soll entstehen, auf dem Sonnenberg, hinter dem ehemaligen Europa-Kino. Ähnliche Funde wie bei der Grabung in Hilbersdorf werden hier erwartet. Soweit bekannt ist, hat aber das Zeilenfundament des ehemaligen Kinos bisher keine Anzeichen auf Kieselholz gegeben, und der Vater des Versteinerten Waldes Johann Traugott Sterzel, zu dessen Lebzeiten ein Teil des Sonnenberges bebaut worden ist, hätte sich bemerkenswerte Funde sicher nicht entgehen lassen. Das soll aber nichts besagen. Eigentlich ist für das Naturphänomen namensgebend das Gebiet in Hilbersdorf. Dort, in einem Filetstück der Fundstelle an der Frankenberger Straße, ist man schon tief in den Boden eingedrungen, aber der eindrucksvolle Aufschluss in das Muttergestein der Kieselhölzer soll wieder zugeschüttet werden. Jeder einschlägig Interessierte weiß, dass sich im Gebiet um die naheliegende und fast legendäre Höhe 340,8 ein Eldorado für Kieselholz-Funde befindet. Warum also ausgerechnet die Grabungsstelle Frankenberger Straße gewissermaßen als Übungsobjekt umgegraben und nicht als "Fenster in die Erdgeschichte" eingerichtet wurde, scheint doch rätselhaft. Das Territorium ist Stadteigentum und lediglich verpachtet. Wer weiß, welche Interessen hier dahinterstehen.

Von hier aus wurden nun über zwei Jahre hinweg Fundstücke in das Museum gebracht, das sich selbst ernannt in der Pflicht sieht. Leider sind die gewonnenen wie auch alle bisher vorhandenen Funde an Kieselholz trotz hoher wissenschaftlicher Relevanz allein nicht ausreichend für einen UNESCO-Welterbetitel. Die Funde sind der natürlichen Umgebung entnommen und stehen unter musealem Schutz wie die Exemplare des Urvogels, die Sixtinische Madonna oder die Büste der Nofretete. Es bleibt die Sensation der Funde, ein Zeitereignis, das, wie vieles andere auch, allmählich wieder verblasst. Die Fundstelle selbst, die am ehesten den Titel "Welterbe" hätte verbuchen können, wird ausgeraubt, nach dem Willen der "Schatzgräber" nach Befriedigung ihrer Forschungsleidenschaft wieder verfüllt und zum Arbeitsfeld irgendwelcher anderer Interessen. Welch ein Unterschied zur Welterbestätte Messel, wo die Fundstelle streng geschützt und nur mit viel Mühe und Aufwand für ernsthafte Forschungen zugänglich erhalten wird! Wo bleibt aber ein Konzept, den vielgepriesenen Chemnitzer Schatz nicht nur zu heben, sondern ihn auch in situ, also am Ort, zu bewahren? Nebenbei: Der Stadtrat hat zwar bereits vor Jahren beschlossen, den Weg zum Welterbe-Titel für den Versteinerten Wald anzugehen, fordert aber ein Konzept dafür, ein Finanzierungskonzept und die Einordnung aller erforderlichen Maßnahmen in die Führungsdokumente der Stadt. Erst dann kann der Stadtrat entscheiden, ob der Antrag auf den Titel überhaupt gestellt werden sollte.

Nun also soll auf dem Sonnenberg, abseits der traditionellen Fundstelle, gebuddelt werden. Nicht einmal zehn Prozent dürften die bisher dort gefundenen Kieselhölzer am Gesamtbestand des Chemnitzer Materials ausmachen. Zum Graben und zu wissenschaftlichen Bewertungen durch die Experten des Naturkundemuseums dürfte es reichen, aber es soll ja ein "Fenster in die Erdgeschichte" entstehen. Doch wie soll das aussehen? Ich erlaube mir, auch die Frage zu stellen, welche Konzepte es gibt, die sensiblen Funde vor Ort qualifiziert zu schützen und inwieweit Mittel dazu eingestellt sind, sie vor den vielfältigen Formen der Verwitterung, vor Grundwasser usw. zu schützen? Nach Darstellungen aus dem Museum für Naturkunde seien die Spezialisten im Hause vorhanden. Der Direktor des Museums will als Geologe seinen Beitrag leisten. Wer aber übernimmt die Verantwortung für den "Rest", damit wirklich der Charakter und die an ein Welterbe gestellten Bedingungen erfüllt werden? Das Vorhaben sollte ja nicht wieder zum Lacher gegen die Stadt werden.


Das Areal hinter den ehemaligen Europa-Lichtspielen, vorgesehen für das "Fenster in die Erdgeschichte"

Als Quintessenz steht die Frage: Ist es überhaupt zum gegenwärtigen Zeitpunkt, bei zunehmend sich verknappenden Kassen erforderlich, die neue Wunde in das Erdreich zu schlagen? Sollte es eine Art Torschlusspanik der Schatzgräber sein, würde es mir sehr leid tun, denn das geht bei einem Fehlschlag trotzdem auf Kosten der Stadt und die Chance zum Welterbe wäre vollständig vertan. Ich halte es für sehr gewagt, ohne fundierte Konzepte zu allen betreffenden Fragen einschließlich Finanzierung ein solches Projekt anzugehen. Was zunächst unter dem Strich bleibt, ist eine Spielwiese für die Mannschaft des Museums für Naturkunde, ein zu verfüllendes Erdloch in Hilbersdorf, das zwar als Teil des zu präsentierenden Welterbes hätte fungieren können, und die Mutmaßung, eventuell auf dem Sonnenberg ein welterbewürdiges Objekt zu finden. Was bleibt, wenn sich diejenigen, die heute diese Verantwortung auf sich gezogen haben, einfach von der Stadt verabschieden und gehen. Zumindest blieben die Kosten, die vielleicht sogar von der Stadt dann nicht mehr getragen werden können.

Und im übrigen: Was steht überhaupt bisher vom Versteinerten Wald amtlich auf der Liste der städtischen Naturdenkmale, oder ist der noch in der Erde schlummernde Versteinerte Wald in Gänze für die Offenlegung und Exploration vorgesehen? Schließlich gibt es auf dem Territorium der Stadt noch mehrere Stellen, wo mit relativ geringem Aufwand Funde erwartet werden könnten, und solche Überlegungen waren bei Insidern bereits im Gespräch. Mich friert dabei! Sollte man nicht warten, bis geeignete zerstörungsfreie Untersuchungsmethoden zur Lokalisierung von Kieselholz zur Verfügung stehen, bevor man derartig einschneidende Maßnahmen in Angriff nimmt? Restauratoren und Denkmalpfleger fordern seit geraumer Zeit, zerstörungsfrei vorzugehen. Chemnitz sollte auch hier als Stadt der Moderne nicht nachstehen.

Ein Postskriptum ist hier angebracht, denn brandneu ist in einer Chemnitzer Monatszeitung zu lesen: "Im Jahr 2008 bewarb sich die Stadt Chemnitz bei der UNO [gemeint ist wohl die UNESCO – der Verf.] um die Anerkennung des Versteinerten Waldes als Weltnaturerbe. Erste erfolgversprechende Schritte auf dem Weg dahin wurden gegangen. So organisierte das Museum für Naturkunde in den Jahren 2008 und 2009 wissenschaftliche Grabungen."(Der klare Blick Nr. 228, März 2010, Seite Kultur). Mitte Dezember 2009 berichtete eine Tageszeitung aber, damit der Welterbe-Antrag überhaupt bearbeitet wird, müsse Chemnitz zunächst die Voraussetzungen schaffen, ein entsprechend großes Areal "mit einer technischen, wissenschaftlichen, musealen und touristischen Infrastruktur". Zu den Chancen des Versteinerten Waldes, in das nächste Auswahlverfahren aufgenommen zu werden, sagt Innenminister Markus Uhlig: "Diese Voraussetzungen erfüllt das Projekt ´Versteinerter Wald´ nicht (Chemnitzer Morgenpost vom 15.12.2009, S. 6).

In einem mir vorliegenden Schreiben aus dem Sächsischen Innenministerium vom 8. Juli 2009 über den Versteinerten Wald von Chemnitz wird unmissverständlich mitgeteilt:

"Von zentraler Bedeutung bei der Erstellung des Antrages ist die Begründung des außergewöhnlichen universellen Wertes der Stätte unter Beachtung der in den Ziffern 77 ff. der Richtlinien genannten Kriterien. Weiterhin sind gemäß Kapitel II und Anlage 5 der Richtlinien Angaben zur Unversehrtheit und/oder Echtheit, zum Schutz und der Verwaltung sowie zur Überwachung des Erhaltungszustandes der Stätte zu machen. Um eine fachlich fundierte Begründung der Aufnahme in die Welterbeliste zu gewährleisten, ist in der Regel die Beauftragung von Gutachtern erforderlich.

In diesem Zusammenhang weist das SMWK darauf hin, dass als Weltnaturerbestätte nur eine "Immobilie" in Frage kommt. Mobile Einzelstücke als museale Objekte alleine können nicht Gegenstand einer Nominierung sein (vgl. auch Ziffer 48 der Richtlinien). Die verkieselten 22 Baumriesen sind beweglich und wurden in das Chemnitzer Kulturzentrum DAStietz verbracht. Als museale mobile Einzelstücke können sie nicht Gegenstand einer Meldung sein. In Frage kommen daher nur die Fundstätten, die sich vorwiegend unter der Stadt sowie einem größeren Waldgebiet befinden. Probleme können sich deshalb schon hinsichtlich der Abgrenzung der Stätte wegen der fehlenden vollständigen Erschließung und Zugänglichkeit ergeben."

Ob vielleicht der Stadtrat wenigstens korrekt informiert wird, was eigentlich Sache ist?

 



Dr. rer. nat. Dr. sc. phil. Frieder Jentsch
Ehrenamtlicher Denkmalpfleger

Die Seite wurde am 26. Februar 2010 in das Internet gestellt